In (s)einem Keller. Eine Archäologie der alten Bundesrepublik.

„Wenn wir die Erinnerungen des Hauses heraufbeschwören, fügen wir Traumwerte hinzu; wir sind niemals wirkliche Historiker, wir sind immer ein wenig Dichter, und unsere Emotion drückt vielleicht nichts anderes aus als eine verlorene Poesie.“[1]

 

Unten türmen sich die Zeiten, schichten sich und bilden Gebirge, erodieren in den holzgewandeten, unterirdischen Raum. Fototapete rechts. Deutscher Wald, was sonst? Es riecht nach Feuchtigkeit, der Teppich verströmt seinen über die Jahrzehnte bekannten Geruch. Hier wirkt nichts mehr streng und diszipliniert, ungeordnet-geordnet. Das Alter und die Zeiten haben nicht zuletzt darin ihre Spuren hinterlassen. Krakelige, dünne Schrift, wo früher alles wie gedruckt erschienen war. Hier saß er oft, ja eigentlich immer. Immer, wenn es oben nicht mehr ging. Bis gegongt wurde, die Nacht gekommen war oder sich weinselige Müdigkeit eingeschlichen hatte. In ihn und seinen Körper. Triebunterdrückung und Affektregulierung. Auf die Mensur, nach oben, ins Leben und in die Familie zurück, auch sein alltäglicher Kampf. Hier unten war dem deutschen Ingenieur nichts zu schwer, oben hingegen alles. Immer ging er runter. Weg und raus. Zu sich und den eigenen Geistern. „Heil dem Gast, der zu uns kommt“, steht auf der Umrandung eines Holztellers, hinten im Eck, unter „Christians“, meinen, „Sachen“. Er aber kam immer nur zu sich selber. Gäste waren oben und besonders hier nicht erwünscht. Und so komme ich mir auch jetzt, nach seinem Tod, wie ein Eindringling vor. Der Raum, sein Raum und das „Unten“, befindet sich in dem Haus der alten Bundesrepublik.[2] Im „unheimlichen“ Bungalow der 1970er Jahre. Ein Ort, der etwas enthält und gleichzeitig etwas verdeckt.[3] Hier, im Keller, in seinem Unten, erscheint die Vergangenheit nicht vergangen zu sein, war und ist alles gleichzeitig da, wirkt seltsam konserviert und präsent: „[…] and these are the ghosts and specters that haunt us in the present.”[4] Das Deutsche Kaiserreich, das Dritte Reich und die amerikanische Kriegsgefangenschaft seines Vaters, die Wirtschaftswunderjahre und der Glauben an den technischen Fortschritt, der Traum vom deutschen Erfinder, von der „sinnvollen Entwicklung der Technik“[5] und den „unbekannten Helden“, den „in Verborgenheit Dienende[n]“[6]. Sein Bergwerk war immer im Keller.

[1] Gaston Bachelard: Poetik des Raumes. Frankfurt am Main 1997, S. 32.

[2] Vgl. Carola Ebert: Entspannte Moderne. Der westdeutsche Bungalow 1952–1969 als Adaption eines internationalen Leitbilds und Symbol einer nivellierten Mittelschichtsgesellschaft. Kassel 2026.

[3] Wolfgang Bachmann: Vergegenwärtigung. Padiglione und Bungalow. Die Idee einer Installation. In: Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Vergegenwärtigung. Erinnerung | Inszenierung | Spekulation. Ludwigsburg 2014, S. 17-29, hier S. 19.

[4] Ethan Kleinberg: Haunting History. For a deconstructive Approach to the Past. Stanford 2017, S. 138. Vgl. auch Eelco Runia: Presence. In: History and Theory 45 (2006) 1, S. 1-29, hier S. 5.

[5] Bekenntnis des Ingenieurs vom 12. Mai 1950; online unter https://www.vdi.de/news/detail/75-jahre-bekenntnis-des-ingenieurs

[6] Friedrich Dessauer: Philosophie der Technik. Das Problem der Realisierung. Zweite, durchgesehene Auflage. Frankfurt/Main 1928, S. 3; vgl. zu dieser Stelle Thomas Hänseroth, Technischer Fortschritt als Heilsversprechen und seine selbstlosen Bürgen. Zur Konstituierung einer Pathosformel der technokratischen Hochmoderne. In: Hans Vorländer (Hrsg.): Transzendenz und die Konstitution von Ordnungen. Berlin u.a. 2013, S. 267–288, hier S. 283.